Work-Life-Ba­lan­ce in der Me­di­zin

Wie ge­lingt Work-Life-Ba­lan­ce in der Me­di­zin? Zwi­schen Diens­ten, Ver­ant­wor­tung und Per­so­nal­man­gel braucht es struk­tu­rel­le Lö­sun­gen statt Selb­st­op­ti­mie­rung.

Work-Life-Ba­lan­ce ist im me­di­zi­ni­schen All­tag längst mehr als ein Schlag­wort. Hohe Ar­beits­dich­te, Diens­te, Per­so­nal­man­gel und stei­gen­de Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten prä­gen den Be­rufs­all­tag vie­ler Ärz­tIn­nen und me­di­zi­ni­scher Fach­kräf­te. Gleich­zei­tig wächst der Wunsch nach plan­ba­ren Ar­beits­zei­ten, Ver­ein­bar­keit und lang­fris­ti­ger be­ruf­li­cher Sta­bi­li­tät. Wel­che struk­tu­rel­len Fak­to­ren be­ein­flus­sen die Ba­lan­ce – und war­um ist sie mehr als eine in­di­vi­du­el­le Fra­ge?

Zwi­schen An­spruch, Ver­ant­wor­tung und per­sön­li­cher Be­las­tungs­gren­ze

Work-Life-Ba­lan­ce ist in der Me­di­zin kein Rand­the­ma mehr. Wäh­rend die ge­sell­schaft­li­che De­bat­te über fle­xi­ble Ar­beits­mo­del­le, New Work und Ver­ein­bar­keit seit Jah­ren ge­führt wird, ste­hen Ärz­tIn­nen und me­di­zi­ni­sche Fach­kräf­te häu­fig wei­ter­hin vor strukturellen Herausforderungen: hohe Ar­beits­dich­te, Per­so­nal­man­gel, öko­no­mi­scher Druck und eine Ver­ant­wor­tung, die kaum de­le­gier­bar ist.

Gleich­zei­tig ver­än­dert sich das Be­rufs­bild. Der An­teil an­ge­stell­ter Ärz­tIn­nen ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren deut­lich ge­stie­gen, eben­so der Wunsch nach plan­ba­ren Ar­beits­zei­ten und fle­xi­ble­ren Mo­del­len. Laut Er­he­bun­gen des Mar­bur­ger Bun­des be­rich­ten vie­le Kli­nik­ärz­tIn­nen re­gel­mä­ßig von Über­stun­den und ho­her psy­chi­scher Be­las­tung. Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) führt Bur­nout in der ICD-11 als ar­beits­be­zo­ge­nes Syn­drom in­fol­ge chro­ni­schen Stres­ses, der nicht er­folg­reich be­wäl­tigt wird.

Work-Life-Balance ist damit kein individuelles Organisationsproblem, son­dern Aus­druck struk­tu­rel­ler Ver­än­de­run­gen im Ge­sund­heits­sys­tem.

Mobbing in der Pflege

Ar­beits­rea­li­tät zwi­schen Ide­al und All­tag

Ar­beits­rea­li­tät zwi­schen Ide­al und All­tag

Der ärzt­li­che Be­ruf ist ge­prägt von Ver­ant­wor­tung, Ent­schei­dungs­druck und ho­her fach­li­cher Kom­ple­xi­tät. Gleich­zei­tig wir­ken mehrere Belastungsfaktoren zu­sam­men.

Sta­tio­nä­rer Be­reich

  • Schicht- und Be­reit­schafts­diens­te
  • Un­vor­her­seh­ba­re Not­fäl­le
  • Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten
  • Per­so­nel­le Eng­päs­se

Be­son­ders in grö­ße­ren Kli­ni­ken ent­steht eine hohe Tak­tung im Ar­beits­all­tag. Me­di­zi­ni­sche Ent­schei­dun­gen müs­sen un­ter Zeit­druck ge­trof­fen wer­den, par­al­lel stei­gen ad­mi­nis­tra­ti­ve An­for­de­run­gen.

Am­bu­lan­te Ver­sor­gung

Auch im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich ist die Ar­beits­be­las­tung hoch. Ne­ben der me­di­zi­ni­schen Tä­tig­keit kom­men wirt­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung, Ab­rech­nung, Pra­xis­or­ga­ni­sa­ti­on und Per­so­nal­füh­rung hin­zu. Stei­gen­de Pa­ti­en­tIn­nen­zah­len bei be­grenz­ter Zeit er­hö­hen den Druck zu­sätz­lich.

Wei­te­re me­di­zi­ni­sche Be­rufs­grup­pen

Pfle­ge­fach­kräf­te, Me­di­zi­ni­sche Fach­an­ge­stell­te und The­ra­peu­tIn­nen tra­gen maß­geb­lich zur Ver­sor­gung bei und sind eben­falls von Ar­beits­ver­dich­tung be­trof­fen. Schicht­ar­beit, Fach­kräf­te­man­gel und emo­tio­na­le Be­las­tung durch Pa­ti­en­tIn­nen­schick­sa­le prä­gen den All­tag vie­ler Teams.

Die Dis­kus­si­on um Work-Life-Ba­lan­ce muss des­halb berufsgruppenübergreifend ge­dacht wer­den.

Ver­tre­tungs­jobs bei licht­feld

18.02 - 01.05

Bran­den­burg

GuK ohne OP/ITS

31.03 - 30.04

Ba­den-Würt­tem­berg

Neu­ro­lo­gie

02.03 - 29.05

Hes­sen

In­ne­re Me­di­zin

Was be­deu­tet „Ba­lan­ce“ im me­di­zi­ni­schen Kon­text?

Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wird Work-Life-Ba­lan­ce häu­fig mit re­du­zier­ter Ar­beits­zeit gleich­ge­setzt. In der Me­di­zin greift die­se De­fi­ni­ti­on zu kurz.

Ba­lan­ce be­deu­tet hier häu­fig:

  • Plan­ba­re Ar­beits­zei­ten
  • Ver­läss­li­che Dienst­plä­ne
  • Re­du­zier­te Über­stun­den
  • Zeit für Fa­mi­lie oder pri­va­te Ver­pflich­tun­gen
  • Mög­lich­keit zur Teil­zeit
  • Raum für fach­li­che Wei­ter­bil­dung
  • Er­ho­lungs­pha­sen ohne stän­di­ge Er­reich­bar­keit

Es geht we­ni­ger um ein star­res 50/50-Ver­hält­nis zwi­schen Ar­beit und Frei­zeit, son­dern um Verlässlichkeit und Gestaltungsfähigkeit. Ent­schei­dend ist die Fra­ge, wie viel Ein­fluss Ärz­tIn­nen und me­di­zi­ni­sche Fach­kräf­te auf ihre ei­ge­ne Ar­beits­ge­stal­tung ha­ben.

Le­bens­pha­sen als zen­tra­le Per­spek­ti­ve

Be­rufs­start

In den ers­ten Jah­ren ste­hen fach­li­che Ent­wick­lung und Er­fah­rung im Vor­der­grund. Diens­te und hohe Ar­beits­in­ten­si­tät wer­den häu­fig als Teil der Aus­bil­dung ak­zep­tiert. Gleich­zei­tig steigt das Ri­si­ko für Über­for­de­rung, wenn Un­ter­stüt­zung und Men­to­ring feh­len.

Mitt­le­re Kar­rie­re­pha­se

In die­ser Pha­se über­neh­men vie­le Ärz­tIn­nen Füh­rungs­ver­ant­wor­tung. Ma­nage­ment­auf­ga­ben kom­men zur kli­ni­schen Tä­tig­keit hin­zu. Ohne kla­re Struk­tu­ren steigt die Ge­samt­be­las­tung er­heb­lich.

Fa­mi­li­en­pha­se

Mit der Grün­dung ei­ner Fa­mi­lie oder der Pfle­ge von An­ge­hö­ri­gen ge­win­nen plan­ba­re Ar­beits­zei­ten an Be­deu­tung. Teil­zeit­mo­del­le oder re­du­zier­te Dienst­be­las­tung wer­den zu ent­schei­den­den Fak­to­ren für die Ver­ein­bar­keit.

Spä­te Kar­rie­re­pha­se

Er­fah­re­ne Me­di­zi­ne­rIn­nen ver­fü­gen über hohe Ex­per­ti­se, wün­schen sich je­doch häu­fig eine Re­duk­ti­on von Nacht- und Be­reit­schafts­diens­ten. Fle­xi­ble Mo­del­le kön­nen hier dazu bei­tra­gen, Wis­sen im Sys­tem zu hal­ten.

Struk­tu­rel­le Ur­sa­chen für das Un­gleich­ge­wicht

Oft wird Work-Life-Ba­lan­ce als in­di­vi­du­el­le Auf­ga­be be­trach­tet: bes­se­re Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Re­si­li­en­z­trai­ning oder Zeit­ma­nage­ment. Die­se Per­spek­ti­ve greift zu kurz. We­sent­li­che struk­tu­rel­le Fak­to­ren sind: anhaltender Fachkräftemangel, öko­no­mi­scher Druck auf Kli­ni­ken und Pra­xen, hohe Do­ku­men­ta­ti­ons­an­for­de­run­gen, kom­ple­xe Ab­rech­nungs- und Ver­wal­tungs­pro­zes­se und un­zu­rei­chen­de Ver­tre­tungs­re­ge­lun­gen

Wenn Per­so­nal fehlt, ent­ste­hen Über­stun­den. Wenn Pro­zes­se in­ef­fi­zi­ent sind, steigt der ad­mi­nis­tra­ti­ve Auf­wand. Individuelle Strategien kön­nen struk­tu­rel­le De­fi­zi­te nur be­grenzt kom­pen­sie­ren.

Un­ter­stüt­zung für Impf­zen­tren und mo­bi­le Impf­teams

Mög­li­che He­bel für mehr Ver­ein­bar­keit

Ohne in ope­ra­ti­ve Emp­feh­lun­gen ab­zu­rut­schen, las­sen sich ver­schie­de­ne struk­tu­rel­le An­sät­ze be­nen­nen.

Fle­xi­ble Be­schäf­ti­gungs­mo­del­le

Pro­jekt­be­zo­ge­ne Ein­sät­ze, be­fris­te­te Tä­tig­kei­ten oder Ver­tre­tungs­mo­del­le er­mög­li­chen es Ärz­tIn­nen und me­di­zi­ni­schen Fach­kräf­ten, ihre Ar­beits­in­ten­si­tät si­tua­tiv an­zu­pas­sen. Sol­che Mo­del­le kön­nen ins­be­son­de­re in Über­gangs­pha­sen ent­las­tend wir­ken.

Teil­zeit und Job­sha­ring

Re­du­zier­te Wo­chen­stun­den oder ge­teil­te Po­si­tio­nen er­öff­nen Spiel­räu­me, ohne voll­stän­dig aus dem Be­ruf aus­zu­stei­gen. Stu­di­en zei­gen, dass der Wunsch nach Teil­zeit im ärzt­li­chen Be­reich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­stie­gen ist.

Trans­pa­ren­te Dienst­pla­nung

Früh­zei­ti­ge und ver­läss­li­che Dienst­plä­ne er­hö­hen die Plan­bar­keit. Kurz­fris­ti­ge Än­de­run­gen wir­ken sich hin­ge­gen di­rekt auf das pri­va­te Um­feld aus.

Re­duk­ti­on ad­mi­nis­tra­ti­ver Be­las­tung

Di­gi­ta­le Pro­zes­se und klar de­fi­nier­te Zu­stän­dig­kei­ten kön­nen die Do­ku­men­ta­ti­ons­zeit re­du­zie­ren und me­di­zi­ni­sche Fach­kräf­te ent­las­ten.

Füh­rungs­kul­tur

Wert­schät­zen­de Füh­rung, of­fe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on und rea­lis­ti­sche Ziel­set­zun­gen wir­ken prä­ven­tiv ge­gen chro­ni­sche Über­las­tung. Füh­rungs­kräf­te ha­ben ei­nen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf Team­sta­bi­li­tät und Ar­beits­zu­frie­den­heit.

Zwi­schen Ide­al und Rea­li­tät: Eine sys­te­mi­sche Her­aus­for­de­rung

Work-Life-Ba­lan­ce in der Me­di­zin be­deu­tet nicht ge­rin­ge­res En­ga­ge­ment oder re­du­zier­te Ver­ant­wor­tung. Viel­mehr geht es um langfristige Arbeitsfähigkeit in einem Berufsfeld, das hohe Prä­zi­si­on, Em­pa­thie und Be­last­bar­keit ver­langt.

Die zu­neh­men­de Viel­falt an Be­schäf­ti­gungs­mo­del­len zeigt, dass das Sys­tem be­reits im Wan­del ist. Gleich­zei­tig blei­ben struk­tu­rel­le Her­aus­for­de­run­gen be­stehen. Ent­schei­dend ist, dass Ar­beits­be­din­gun­gen kon­ti­nu­ier­lich re­flek­tiert und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den – nicht nur im In­ter­es­se der ein­zel­nen Ärz­tIn­nen oder Fach­kräf­te, son­dern im Sin­ne ei­ner nach­hal­ti­gen Ge­sund­heits­ver­sor­gung.

Ba­lan­ce ist da­mit we­ni­ger ein per­sön­li­ches Ziel als eine sys­te­mi­sche Not­wen­dig­keit.