Nie­der­las­sung, Fest­an­stel­lung oder Zeit­ar­beit – wel­ches Mo­dell passt zu mir?

Ei­ge­ne Pra­xis, Fest­an­stel­lung oder fle­xi­ble Zeit­ar­beit: Ärz­tIn­nen ha­ben heu­te mehr Wahl­mög­lich­kei­ten als frü­her. Wir zei­gen, wel­che Chan­cen die drei Mo­del­le mit sich brin­gen, da­mit die Ent­schei­dung zur ei­ge­nen Le­bens­pha­se passt.

Im­mer mehr Ärz­tIn­nen ent­schei­den sich ge­gen die klas­si­sche ei­ge­ne Pra­xis. Laut der ak­tu­el­len Arzt­zahl­sta­tis­tik der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung (KBV) ist die Zahl an­ge­stell­ter Ärz­tIn­nen im am­bu­lan­ten Be­reich zwi­schen 2024 und 2025 von 55.604 auf 58.877 ge­stie­gen, ein Plus von rund 5,9 Pro­zent. Gleich­zei­tig sank die Zahl der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­tIn­nen leicht von 123.752 auf 122.903. Der Trend zur An­stel­lung setzt sich da­mit fort, auch wenn die Mehr­heit der am­bu­lant tä­ti­gen Ärz­te­schaft nach wie vor in ei­ge­ner Pra­xis ar­bei­tet.

Doch was heißt das für die ei­ge­ne Kar­rie­re­pla­nung? Ärz­tIn­nen kön­nen aus drei großen Arbeitsmodellen wäh­len:

  • die Nie­der­las­sung in ei­ge­ner Pra­xis,
  • die Fest­an­stel­lung in Kli­nik, Pra­xis oder Me­di­zi­ni­schem Ver­sor­gungs­zen­trum und
  • die fle­xi­ble Tä­tig­keit über Zeit­ar­beit.

Alle drei ha­ben ihre Be­rech­ti­gung, kei­nes ist grund­sätz­lich bes­ser als das an­de­re. Ent­schei­dend ist, wel­ches Mo­dell zur ei­ge­nen Le­bens­pha­se, Ri­si­ko­be­reit­schaft und den per­sön­li­chen Zie­len passt.

Nie­der­las­sung: un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit mit Preis

Wer sich nie­der­lässt, ge­stal­tet die ei­ge­ne Pra­xis von der Aus­stat­tung bis zum Team selbst und trifft un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dun­gen ei­gen­stän­dig. Die­se Frei­heit hat ih­ren Preis: Laut ei­ner ge­mein­sa­men Ana­ly­se der Deut­schen Apo­the­ker- und Ärz­te­bank und des Zen­tral­in­sti­tuts für die kas­sen­ärzt­li­che Ver­sor­gung, die rund 3.100 Pra­xis­grün­dun­gen aus­ge­wer­tet hat, kos­tet die Über­nah­me ei­ner haus­ärzt­li­chen Ein­zel­pra­xis im Schnitt rund 117.600 Euro in der Stadt und rund 70.000 Euro auf dem Land zu­züg­lich Mo­der­ni­sie­rung und Erst­aus­stat­tung liegt die Ge­samt­in­ves­ti­ti­on bei rund 169.300 Euro.

Bei Facharztpraxen kann es deutlich teurer werden: Gy­nä­ko­lo­gi­sche Pra­xen kos­ten im Schnitt über 300.000 Euro, or­tho­pä­di­sche Pra­xen über 400.000 Euro. Be­mer­kens­wert ist da­bei: In 94 Pro­zent der Fäl­le über­neh­men Ärz­tIn­nen eine be­stehen­de Pra­xis statt neu zu grün­den. Das senkt zwar das In­ves­ti­ti­ons­ri­si­ko ge­gen­über ei­ner Neu­grün­dung, er­setzt aber nicht die un­ter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung, die mit Per­so­nal­füh­rung, Ab­rech­nung und Bü­ro­kra­tie ein­her­geht.

Gleichzeitig werden dringend NachfolgerInnen gesucht: 2025 wa­ren be­reits rund 4.400 Haus­arzt­sit­ze un­be­setzt, bis 2040 könn­ten es rund 12.000 sein, etwa je­der fünf­te Sitz. Wer sich für die Nie­der­las­sung ent­schei­det, hat also vie­ler­orts eine gute Ver­hand­lungs­po­si­ti­on und fin­det zu­neh­mend Un­ter­stüt­zung, etwa durch För­der­pro­gram­me in un­ter­ver­sorg­ten Re­gio­nen.

02.09 - 26.09

Ba­den-Würt­tem­berg

All­ge­mein- und Vis­ze­ral­chir­ur­gie

14.09 - 15.09

Bay­ern

Gy­nä­ko­lo­gie (Frau­en­heil­kun­de) und Ge­burts­hil­fe

01.09 - 30.09

Hes­sen

Or­tho­pä­die und Un­fall­chir­ur­gie

Wel­ches Mo­dell passt zu mir?

Pau­schal lässt sich die Fra­ge nicht be­ant­wor­ten. Auf dem Weg da­hin hift es, sich die rich­ti­gen Fra­gen an die ei­ge­ne Le­bens­si­tua­ti­on zu stel­len:

  • Wie wich­tig ist mir ak­tu­ell fi­nan­zi­el­le und zeit­li­che Plan­bar­keit und wie viel un­ter­neh­me­ri­sches Ri­si­ko kann und will ich tra­gen?
  • Passt eine lang­fris­ti­ge Bin­dung an ei­nen Stand­ort und ein Team zu mei­ner ak­tu­el­len Le­bens­pha­se, etwa mit Blick auf Fa­mi­lie oder Part­ner­schaft?
  • Möch­te ich lie­ber ge­stal­ten und Ver­ant­wor­tung für eine ei­ge­ne Pra­xis über­neh­men, oder liegt mir das Fach­li­che mehr als das Un­ter­neh­me­ri­sche?
  • Reizt mich Ab­wechs­lung durch wech­seln­de Ein­satz­or­te, oder brau­che ich eher Kon­ti­nui­tät und fes­te Struk­tu­ren?
  • Ist mei­ne pri­va­te Ab­si­che­rung, ins­be­son­de­re Al­ters­vor­sor­ge und Be­rufs­un­fä­hig­keit, aus­rei­chend mit­ge­dacht, falls ich mich für ein fle­xi­bles Mo­dell ent­schei­de?

Fest­an­stel­lung: Si­cher­heit mit Struk­tur

Die Fest­an­stel­lung in Kli­nik, Pra­xis oder MVZ bringt Pla­nungs­si­cher­heit: ein fes­tes Ge­halt, ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten, ein ein­ge­spiel­tes Team und kein un­ter­neh­me­ri­sches Ri­si­ko. Die­se Si­cher­heit dürf­te ein Grund da­für sein, dass im­mer mehr Ärz­tIn­nen die An­stel­lung der ei­ge­nen Pra­xis vor­zie­hen. Der Preis da­für ist we­ni­ger Ge­stal­tungs­spiel­raum: Wer an­ge­stellt ist, be­wegt sich in­ner­halb der Struk­tu­ren und Hier­ar­chi­en des Ar­beit­ge­bers und hat bei Stand­ort, Aus­stat­tung oder stra­te­gi­schen Ent­schei­dun­gen in der Re­gel we­nig Mit­spra­che­recht. Für alle, die stärker das Fachliche als das Un­ter­neh­me­ri­sche in den Vor­der­grund stel­len möch­ten, ist das trotz­dem oft der stim­mi­ge­re Weg, ge­ra­de auch in Kom­bi­na­ti­on mit Teil­zeit­mo­del­len, die sich in ei­ner Fest­an­stel­lung meist leich­ter um­set­zen las­sen als in ei­ge­ner Pra­xis.

Zeit­ar­beit und Ho­no­rar­tä­tig­keit: Fle­xi­bi­li­tät mit kla­ren Re­geln

Das drit­te Mo­dell hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren spür­bar ver­än­dert. Frü­her ar­bei­te­ten vie­le Ärz­tIn­nen in Kli­ni­ken auf rei­ner Ho­no­rar­ba­sis, also als ver­meint­lich Selbst­stän­di­ge. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat die­ser Pra­xis 2019 enge Gren­zen ge­setzt: In ei­nem Grund­satz­ur­teil vom 4. Juni 2019 (Az. B 12 R 11/18 R) ent­schied es, dass Ho­no­rar­ärz­tIn­nen im Kran­ken­haus in al­ler Re­gel nicht als selbst­stän­dig gel­ten, son­dern so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig be­schäf­tigt sind, weil sie in der Pra­xis wei­sungs­ge­bun­den und or­ga­ni­sa­to­risch in den Kli­nik­be­trieb ein­ge­bun­den sind, etwa als An­äs­the­sis­tIn im OP-Team oder als Sta­ti­ons­ärz­tIn. Vie­le Kli­ni­ken sind seit­her auf Arbeitnehmerüberlassung, um­gangs­sprach­lich Zeit­ar­beit, oder auf kurz­fris­ti­ge An­stel­lungs­ver­hält­nis­se um­ge­stie­gen, statt wei­ter auf rei­ne Ho­no­rar­ver­trä­ge zu set­zen. Wer heu­te fle­xi­bel in wech­seln­den Kli­ni­ken ar­bei­tet, tut das also meist über ein so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ges An­stel­lungs­ver­hält­nis bei ei­ner Per­so­nal­dienst­leis­tung.

Der Reiz die­ses Mo­dells liegt auf der Hand: hohe zeitliche und örtliche Flexibilität, Ab­wechs­lung durch un­ter­schied­li­che Kli­ni­ken, Fach­ab­tei­lun­gen und Re­gio­nen so­wie die Mög­lich­keit, ver­schie­de­ne Ar­beit­ge­ber vor ei­ner lang­fris­ti­gen Ent­schei­dung ken­nen­zu­ler­nen. Dem ste­hen we­ni­ger Kon­ti­nui­tät in Team und Pa­ti­en­tIn­nen­be­zie­hung so­wie eine ge­rin­ge­re lang­fris­ti­ge Plan­bar­keit ge­gen­über. Wer sich für die­ses Mo­dell ent­schei­det, soll­te sich zu­dem ak­tiv um The­men küm­mern, die bei ei­ner klas­si­schen Fest­an­stel­lung au­to­ma­tisch mit­lau­fen, etwa die durch­ge­hen­de An­mel­dung bei der Ärz­te­ver­sor­gung und eine ei­gen­stän­dig or­ga­ni­sier­te Al­ters­vor­sor­ge.

Mehr Fle­xi­bi­li­tät, mehr Mög­lich­kei­ten

Jetzt in die Zeit­ar­beit wech­seln und von ei­nem gro­ßen Netz­werk, vie­len Ein­satz­mög­lich­kei­ten und per­sön­li­cher Be­treu­ung pro­fi­tie­ren.

Kom­bi­na­ti­ons­mo­del­le: Die Gren­zen sind flie­ßend

Die drei Mo­del­le schlie­ßen sich in der Pra­xis auch nicht ge­gen­sei­tig aus. Vie­le Ärz­tIn­nen kom­bi­nie­ren eine Teil­zeit­an­stel­lung mit ge­le­gent­li­chen Zeit­ar­beits­ein­sät­zen, um Fa­mi­lie und Be­ruf bes­ser zu ver­ein­ba­ren oder zu­sätz­li­che Er­fah­rung zu sam­meln. Auch Nie­der­ge­las­se­ne stel­len zu­neh­mend an­ge­stell­te Kol­le­gIn­nen ein, wo­durch sich un­ter­neh­me­ri­sche und an­ge­stell­te Ele­men­te in ei­ner Pra­xis ver­bin­den. Wer heu­te ein Mo­dell wählt, ent­schei­det sich also sel­ten für im­mer – ein spä­te­rer Wech­sel ist in bei­de Rich­tun­gen mög­lich.

Fa­zit

Ob Nie­der­las­sung, Fest­an­stel­lung oder Zeit­ar­beit: Je­des Mo­dell bringt ei­ge­ne Chan­cen und ei­ge­ne Kom­pro­mis­se mit sich, und kei­nes ist per se die bes­se­re Wahl. Wer die ei­ge­nen Prio­ri­tä­ten kennt und ehr­lich ab­wägt, wie viel Si­cher­heit, Frei­heit und Fle­xi­bi­li­tät tat­säch­lich ge­braucht wird, trifft am Ende die Ent­schei­dung, die zur ei­ge­nen Le­bens­pha­se passt – und kann sie spä­ter je­der­zeit wie­der über­den­ken.